Im April 2004 gründete sich die Bürgerinitiative Kapuziner Rottweil mit dem Ziel, sich für die Sanierung des ehemaligen Kapuzinerklosters einzusetzen. Mit Engagement und Arbeitseinsatz gelang es der Initiative, den Sonnensaal, das Refektorium und den Innenhof des Gebäudekomplexes für Veranstaltungen nutzbar zu machen, in Nebenräumen wurden Jugendräume eingerichtet. Die Mitglieder der Kapuzinerinitiative engagieren sich für den Erhalt des geschichtsträchtigen Gebäudes, keiner von ihnen hat irgendein persönliches wirtschaftliches Interesse bei der Arbeit für den Erhalt des Kapuziners.

Beginnend mit der Sitzung des Rottweiler Gemeinderats am 16. Mai 2007, bei der der Antrag der Freien Wähler, eine Bürgerbefragung über die Zukunft des ehemaligen Kapuzinerklosters durchzuführen, durch einen Geschäftsordnungsantrag der SPD verhindert wurde, kochten die Emotionen hoch. Die NRWZ berichtete von einer starken "Lobby" für den Kapuziner, auch dem Dachverband der Kultur treibenden Vereine Rottweils, kulturottweil, wurde Lobbyarbeit im Hintergrund für den Kapuziner nachgesagt, dabei wandte sich kulturottweil nur gegen einen Bürgerentscheid zum Kapuziner, in der Sache selbst ist kulturottweil neutral und machte keine Aussage pro oder kontra der Sanierung des ehemaligen Klosters.

Lobbyismus kennt man aus der Bundespolitik: da schreibt der Verband der Tabakindustrie Textentwürfe, die unverändert in den Gesetzestext übernommen werden, die deutsche Bildungspolitik ist dominiert von der Bertelsmann-Stiftung und die INSM bekommt Millionen von der Metallindustrie um das Ende des Sozialstaates einzuläuten. Ganze Heerscharen von Beratern aus der Wirtschaft beeinflussen unsere Gesetzgebung. Es gibt viele Bürger, die bereits am Funktionieren unserer Demokratie zweifeln, weil unsere Politiker eher den Willen von reichen Verbänden ausführen, statt den Willen des Wählers. Und laut NRWZ ist man jetzt auch ein Lobbyist, wenn man sich für die Erhaltung eines historischen Gebäudes einsetzt.

Wikipedia definiert Lobbyismus folgendermaßen: "Lobbyismus ist eine Form der Interessenvertretung in der Politik, in der die Exekutive und Legislative durch Interessengruppen, den Lobbys, beeinflusst werden oder die öffentliche Meinung über die Medien beeinflusst wird". Natürlich kann man anhand dieser Definition sagen, dass die Kapuzinerinitiative Lobbyismus betreibt, aber angesichts des negativen Beiklangs des Wortes Lobbyismus eben dies der Kapuzinerinitiative vorzuwerfen, ist schon fast bösartig.

Viele Leserbriefschreiber nehmen den Begriff Lobbyismus dankbar an und verwenden ihn immer wieder in ihren Texten, um damit die Arbeit der Kapuzienerinitiative zu diffamieren. Orwells Jahrhundertroman 1984 läßt grüßen: "Neusprech" ist angesagt. „Die Dinge falsch benennen, heißt das Unglück der Welt zu vergrößern“, hat Albert Camus einmal gesagt.

Was ist nur los in Rottweil? Wieso wird das selbstlose Engagement einer Gruppe von Bürgern plötzlich als Lobbyismus schlecht geschrieben? Woher rührt diese Gehässigkeit vieler Leserbriefschreiber? Lohnt sich der Einsatz für ein möglichst intaktes Stadtbild Rottweils überhaupt? Zählt auch in Rottweil nur noch der schnelle Profit irgendwelcher so genannter Investoren?

Ach ja, ein mögliches Nutzungskonzept für den Kapuziner gäbe es auch noch: die Armut nimmt auch bei uns in Rottweil zu. Vor dem neuen Tafelladen in der Hochmaiengasse bilden sich Schlangen von armen Menschen, die günstige Nahrungsmittel erwerben wollen. Armut grenzt aus, eine Teilnahme am kulturellen Leben ist Armen nicht möglich. Wäre es nicht schön, wenn ein zukünftiger Kapuziner auch den Armen in Rottweil ein kulturelles Angebot machen würde? Den einstigen Bewohnern des Klosters, den Brüdern des Bettelordens der Kapuziner würde eine Nutzung des Gebäudekomplexes durch Benachteiligte sicher gefallen. Aber dazu wird es nicht kommen, denn damit lässt sich kein Geld verdienen.

Der Kapuziner am 3. Juni 2007
Der Kapuziner am 3. Juni 2007
Der Kapuziner am 3. Juni 2007
Der Kapuziner am 3. Juni 2007